Trauer, Wut und reflexhaftes Verhalten – Gedanken zum Terror

Es ist eigentlich selbstverständlich, der völlig unsinnige Tod und die vielen Verletzungen an Körper und Seele, die durch Terroranschläge wie  in Brüssel oder Paris verursacht werden löst bei mir Traurigkeit aus. Ich fühle mit den unmittelbar und auch mittelbar betroffenen Menschen mit und wage gar nicht mir vorzustellen, dass ich selbst zu diesen Gruppen gehören könnte.

Und trotzdem ist es notwendig, bei jeder Äußerung zu solchen Anschlägen dies zu sagen, ja voran zu stellen um nicht in den Verdacht zu geraten, man würde solche Taten irgendwie banalisieren, rechtfertigen oder gar gutheißen. Schon diese Notwendigkeit, die Reflexhaftigkeit, mit der Politiker, Journalisten und eigentlich fast jedermann sein Mitgefühl, seine Trauer äußert zeigt viel über die Hilflosigkeit der Gesellschaft.

In das Mitgefühl mischt sich Wut. Natürlich auf die Täter, die aus welchen Gründen auch immer — denn Gründe verblassen ob solcher Unmenschlichkeit — nicht nur Leben und Gesundheit völlig unschuldiger, zufällig ausgewählter Opfer zerstören sondern letztlich unsere Werte, unsere Art zu leben angreifen um dies alles nach ihren eigenen Vorstellungen zu beeinflussen, zu ändern. Was bilden sie sich ein? Wie können sie ihre eigenen Vorstellungen zu leben, ihre eigenen Werte nicht nur über die Vorstellungen und Werte anderer Menschen stellen sondern diese auch noch gewaltsam ‘bekehren’ wollen?

Aber  auch Wut auf Sicherheitsbehörden, warum können sie dies nicht verhindern? Wut auf diejenigen, die in unserem Staat und anderswo politische Entscheidungen treffen, warum schaffen sie es nicht, dem Terror den Nährboden zu entziehen? Wut auf die Welt, warum geschieht soviel Leid? Wut auf mich selbst, warum kann ich mich dieser Angst und Gefahr nicht entziehen?

Wut ist eigentlich immer irrational, sie drückt Hilflosigkeit aus, der Volksmund sagt, sie ist ein schlechter Ratgeber und trotzdem ist sie oft Triebfeder für Handlungen. 

Jeden Tag sterben weltweit Hunderte, vermutlich Tausende Menschen eines unnatürlichen Todes. Sie sterben bei Bombenangriffen, bei Schießereien, durch Verhungern, durch Seuchen, durch Unfälle, durch Kriminelle Taten.

Würden wir uns dessen jeden Tag bewusst machen, würden uns die Medien jeden Tag die vielen Toten in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt genauso dramatisch und mit Sondersendungen vor Augen führen, wir wären vermutlich zunächst schockiert aber auch bald abgestumpft. Letztlich sind wir schon genau dies – abgestumpft – deswegen berichten die Medien nicht. Wer interessiert sich schon dafür, wieviele Menschen heute oder gestern durch Verkehrsunfälle ums Leben gekommen sind? Dies sind Meldungen, die allenfalls ihren Weg in die Lokalnachrichten schaffen. Die räumliche Nähe macht uns noch betroffen.

Terroranschläge schaffen — egal wo auf der Welt sie passieren — immer den Weg in die Schlagzeilen und unser aller Bewusstsein. Warum? Zum einen, weil sie zum Glück noch nicht alltäglich sind, viel wichtiger aber, weil sie eben jederzeit und überall passieren können. Weil die Attentäter es nicht auf einzelne, bestimmte Personen sondern auf uns alle, auf unsere Art zu leben abgestellt haben. Wir sind von einem AnSchlag zum Glück nicht selbst getroffen worden, es hätte aber auch uns treffen können, es hätte nicht Brüssel sein müssen, es hätte auch Berlin, Frankfurt, Hannover oder irgendwo sein können. An jedem beliebigen Ort, den wir vielleicht gerade aufgesucht hätten. Das macht uns auf betroffen.

Und dann kommen reflexhafte Reaktionen, von uns und von Politikern, Medien, Sicherheits-”Experten”.

Man sucht Schuldige, man verurteilt, man fordert Maßnahmen.

Die Brüsseler Polizei ist schuldig, wieso schafft sie es nicht den belgischen Sumpf an Terrorverdächtigen trockenzulegen? Ich bin kein Sicherheitsexperte und erlaube mir daher kein Urteil über die Frage, ob die Polizei in Belgien tatsächlich etwas versäumt hat oder vielleicht doch alles getan hat, was in ihrer Macht lag. Aber solche Schuldzuweisungen hört man bei derlei Anschlägen immer wieder. Sie lenken Wut und Ohnmacht auf ein konkretes Ziel. Die Polizei, die Politiker sind greifbarer als ‘die Terroristen’. Solche Schuldzuweisungen erlauben uns aber vor allen Dingen das Problem von uns weg, in diesem Fall nach Brüssel zu schieben. Sie geben uns die Ilusion nicht betroffen zu sein. Dann fahren wir eben nicht nach Brüssel, denn dort — und nur dort — ist es gefährlich. Wie gesagt eine Illusion, denn Attentäter können überall zuschlagen, sie verfolgen keine Logik außer der, unsere Gesellschaft zu treffen und zu verunsichern, sei es in Brüssel, Frankfurt oder auf dem Volksfest in Hintertupfingen.

Natürlich wird ‘dem Islam’ die Schuld gegeben. Es ist naheliegend, denn nahezu alle Terorakte weltweit berufen sich auf dem Islam. Auch hier fehlt mir das Expertenwissen, um zu beurteilen, ob der Islam wirklich gewalttätiger ist als andere Religionen insbesondere das in unserer Gesellchaft vorherrschende Christentum. Ich weiß nur, dass auch unter dem Mantel der Christlichkeit in den letzten 2.000 Jahren viel Gewaltexzesse stattfanden.

Es wird auch dem dauerhaften Konflikt im Nahen Osten die Schuld gegeben, je nach Standpunkt den unterschiedlichen Parteien in diesem Konflikt. Die Verbindung von hier zum Islam ist wieder erkennbar.

Meines Erachtens sind dies alles falsche Betrachtungswinkel. Denn weder ‘der Islam’ noch ‘der Konflikt’ baut Bomben und sprengt sich in die Luft. Dies machen Menschen!

Die Frage ist doch daher immer, wieso machen Menschen dies? Was treibt sie an, sich und andere Menschen zu töten? Was treibt sie an, dem Leben hier eine Versprechung von ewigen Ruhm und angeblich unendlich vielen Jungfrauen im Himmel vorzuziehen?

Sicherlich wäre es wenig sinnvoll, solchen Tätern rationales Verhalten und sorgfältige Abwägung ihrer Pläne zu unterstellen. Es gibt viele Wissenschaftler, die dem Menschen insgesamt die Fähigkeit zu rationalem Verhalten absprechen. Bei jemanden, der freiwillig aus dem Leben scheidet dürfte diese Fähigkeit jedenfalls kaum vorhanden sein.

Was ist so groß, so bedeutend, dass sich dieses eigene Opfer lohnt? Dass vergessen lässt, dass man dem Tod entgegengeht und dies unter Umständen auch verbunden mit Schmerzen?

Was ist so bedeutend, dass man willentlich den Tod und schwerste Verletzungen von unbeteiligten Dritten inkauf nimmt?

In der Kriminalitätslehre kennt man das sogenannte Fraud-Dreieck. Dies beschreibt ganz banal, dass Menschen für kriminelle Handlungen drei Impulse benötigen.

  • Zum einen muss eine Motivation vorhanden sein. D.h. welchen Vorteil erwartet man von der Handlung — und zwar unter Abwägung eventuell oder sicher drohender Nachteile.
  • Als Zweites bedarf es einer Rechtfertigung, d.h. die Tat muss mit dem eigenen Werten in Einklang gebracht werden. Da diese Werte immer durch die Gesellschaft in der man lebt beeinflusst werden, bedarf es manchmal einer Selbsttäuschung.  Bei ‘normalen’ Kriminellen beliebt: den Schaden bezahlt ja die Versicherung oder auch: der ist selber schuld, denn er ist ja auch für mein Elend verantwortlich
  • wenn beides zusammenkommt, bedarf es schließlich noch der Gelegenheit für die Tat.

Ich sehe im Moment, dass der Staat sich vorrangig um den Punkt ‘Gelegenheit’ kümmert. Keine Frage, Maßnahmen, die die Gelegenheit für Terroranschläge begrenzen sind sinnvoll und notwendig. Aber machen wir uns nichts vor, weder können wir den Zugang zu Chemikalien zur Herstellung von Sprengstoff noch den Zugang zu Waffen völlig beseitigen. Ebensowenig können wir alle potentiell gefährdeten Ziele völlig absichern. Wer einen Anschlag durchführen will, wird immer Mittel und Wege finden. Gleichwohl, Sicherheitsmaßnahmen können Anzahl und Umfang von Anschlägen verringern.

Der Blick auf Religion oder auf Kriesengebiete nimmt die Kategorie der Rechtfertigung in den Blick. Dabei ist es gerade in Bezug auf den Islam völlig belanglos, ob sich die Taten wirklich mit den Worten des Korans rechtfertigen lassen. Entscheidend ist, dass die Täter dies so sehen, d.h. im Zweifel von interessierten Dritten ihnen dies so erklärt wurde. Und solange es sogenannte Hassprediger gibt werden nicht nur potentielle Attentäter sich auf den Islam zur Rechtfertigung berufen sondern werden auch AFD-Mitglieder dies so sehen und diese Rechtfertigung aufgreifen und als Angriff auf den Islam umdrehen.

Zuwenig betrachten wir die Motivation der Täter. Denn ein aus dem Islam herauskommender Hass auf Andersgläubige, Hass auf ein anderes religiöses oder auch atheistisches Lebensmodell ist beides Teil der Rechtfertigung und nicht wirklich Teil der Motivation. Dies schon deswegen, weil – zumindest nachdem was in den Berichterstattungen steht viele Attentäter nicht immer streng gläubig waren oftmals sogar erst zum Islam konvertiert sind. Nicht der Islam hat diesen Hass geprägt, sondern der Hass, die Ablehnung war vorhanden und hat allenfalls im Islam die gesuchte Bestätigung, Rechtfertigung gefunden. Dies auch ein Grund dafür, dass viele wirkliche Islamkenner immer wieder betonen, dass die Begründungen, die von Terroristen für ihre Taten gegeben werden in willkürlichen, aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen des Korans stammen. Dies ist typisch für RechtfertigungsMuster, man sucht sich seine eigenen Wahrheiten zusammen.

Auch die Aussicht auf Märtyrertum oder Jungfrauen im Himmel ist nicht tatsächlich Motivation, denn auch Terroristen dürfte klar sein, dass sie nach dem Tod davon nichts haben. Aber sei es drum, warum reicht dann eine solch abstrakte Belohnung als Motivation aus? Motivation speist sich aus den Vorteilen, die man erwartet und den Nachteilen, die man durch die Tat sicher oder unter Umständen bekommt. Die Vorteile sind wie gesagt sehr abstrakt, Märtyerruhm oder Jungfrauen im Himmel. Motivation kann sich auch aus Vorteilen für Dritte speisen, ich könnte dies ‘Robin Hood Motivation’ nennen. Ein solcher Antrieb könnte darin liegen, dass man für eine gute, eine gerechte Sache, das Überleben der Religion kämpft.

Alle erwähnten Motivationen , Vorteile sind sehr abstrakt. Weder können die Täter für sich selbst noch für konkrete  Dritte konkrete, nachprüfbare und messbare Vorteile erhoffen. Wenn aber die Vorteile der Tat so gering sind, folgt daraus, dass die drohenden oder sicheren Nachteile noch geringer sein müssen. Denn nur dann bleibt eine positive Motivation übrig.

Völlig unabhängig von der religiösenWeltanschauung, dürfte das eigene Leben stets einen ziemlich hohen Stellenwert haben. Wenn also jemand durch eine relativ fadenscheinige Rechtfertigung und sehr vage, wenig abstrakte Vorteile dazu gebracht wird, das eigene Leben wegzuwerfen und gleichzeitig die Schuld an Tod und massiver Verletzung Dritter auf sich zu nehmen, wie wenig muss ihm dann sein eigenes Leben bedeuten?

Und genau hier liegt der eigentliche Ansatz für die Auslöschung des Terrors.

Wir werden es nie schaffen alle Gelegenheiten für Terroranschläge zu beseitigen.

Wir werden auch es auch nie schaffen den Rattenfängern ihre Rechtfertigungsmärchen aus der Hand zu nehmen. Heute mag es der Islam sein, gestern war es die Angst vor Weltjudentum, auch gestern und vielleicht wieder morgen oder gar schon heute mag es die  Angst vor ‘Überfremdung’ sein. Diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer das eigentliche Interesse an Terror und Chaos haben, werden immer wieder Geschichten erfinden, mit denen sie auf Rattenfang gehen und ihren Opfern, den Tätern des Terrors eine passende Rechtfertigung zu geben.

Wir können es aber schaffen die dritte Voruassetzung für Kriminalität zu beseitigen, die Motivation. Wir müssen uns fragen , wie bekommen wir die Menschen aus den Händen von Rattenfängern? Wie schaffen wir es, dass sie ihr eigenes Leben so hoch schätzen, dass der abgerüstet ihres eigenes Lebens und die Schuld, das Leben Dritter ausgelöscht zu haben eben mehr wiegt, als diese abstrakten Vorteile.

immer wenn ich über Terroristen lese, fällt mir ein Muster auf. Es handelt sich um junge Menschen, meist Männer, denen das Leben keine Perspektiven mehr bietet. Sie sind arbeitslos, leben häufig in  gesellschaftlichen Gruppen, mit denen sie sich diese Perspektivlosigkeit teilen. Kurz gefasst sie haben nichts zu verlieren, selbst das eigene Leben ist kein wirklich zu erhaltener Wert, denn dies leben ist kein Wert für sie.

Bitte nicht missverstehen, dieses Leben am Rande oder außerhalb der Gesellschäfft ist für mich keinerlei Entschuldigung für Terrorakte. Aber sie bieten eine Erklärung für deren Entstehung.

Warum sehen das nicht mehr Mitmenschen oder Politiker? DAS  macht mich wirklich wütend, noch viel mehr als die Handlungen verwirrter, gestörter Täter. Diese sind eine Gefahr für die Menschen. Sie müssen gestoppt und weggesperrt  werden. Aber viel wichtiger ist es, den Sumpf, die Gettos, die Lebensumstände zu beseitigen, die solche Täter  entstehen lassen!

Geht endlich bei und ändert die Lebensumstände der Menschen! Gebt jeden Menschen eine Perspektive was er erreichen man und was nicht.  Wir müssen die Lebensumstände potentieller Täter so ändern, dass sie ihr Leben und das anderer Menschen mehr Wert schätzen.

Dann und nur dann gelingt es uns den Sumpf des Terrors auszutrocknen!

 

 

 

 

 

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